„Non vitae, sed scholae discimus“ –  „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“

, ist ein 2000 Jahre altes Zitat von Seneca, dem römischen Philosophen, Dramatiker, Naturforscher, Staatsmann und Schriftsteller, das meist fälschlich im umgekehrten Sinn verwendet wird. Damit äußerte er seine Kritik an den römischen Philosophenschulen seiner Zeit. Bis heute hat sich wenig an dieser Erkenntnis verändert.

Nun wird für den „DigitalPakt Schule“ sogar das Grundgesetz geändert, um Milliarden dafür ausgeben zu können, damit alle Schulen die Geräte bekommen, mit denen die Schüler eh schon viel besser umgehen können als ihre Lehrer. Dabei soll der „Primat der Pädagogik“ gelten, wie das Bundesbildungsministerium auf seiner Website postuliert. Deshalb muss jede Schule, die in den Genuss dieser Investition kommen will, ein „technisch-pädagogisches Konzept“ vorlegen. Die Schulen müssen also aufzeigen, wie sie im Rahmen ihrer bisherigen Struktur die gleichen Inhalte, nunmehr jedoch unter Einbeziehung digitaler Medien „vermitteln“.

Soll das wirklich unsere Schulen fit machen für die digitale Herausforderung? Ich habe große Zweifel, ob dies der richtige Weg ist. Deutschlands Schulen kranken doch vor allem daran, dass in erster Linie Fächer unterrichtet und eher nachrangig Kinder und Jugendliche sowie deren Werte und Kompetenzen gefördert werden. Aus lernkultureller Gewohnheit überschätzen die Bildungpolitiker und Schulbehörden nach wie vor vollkommen das Vermitteln von Wissen, also die Weitergabe des Wissens von einem Gehirn in ein anderes, obwohl dies eine erschreckend geringe Nachhaltigkeit aufweist.

Wissen und Qualifikation ohne das Erleben in erfolgreichen Anwendungen fehlt die emotionale Erfahrung und damit die Selbstwirksamkeit, das subjektive Empfinden, Herausforderungen in spannenden, fächerübergreifenden Projekten oder in der Praxis mit den eigenen Kompetenzen bewältigen zu können. Deshalb können Kompetenzen lediglich reifen, aber nicht erzwungen werden. Die Didaktik muss sich deshalb entsprechend weiterentwickeln.

Gezielte und personalisierte Werte- und Kompetenzentwicklung erfordert einen radikalen Wandel in den Schulen hin zu einer Architektur der Erlebnisorientierung, auch im Bereich des Wissensaufbaus und der Qualifizierung.  Der Unterricht in deutschen Klassenzimmern ist jedoch weithin lehrerzentriert und variationsarm und begünstigt primär diejenigen, die abstrakt und rezeptiv zu lernen verstehen. Das System Schule orientiert sich nicht an den Bedürfnissen der Schüler, sondern richtet sich an den Erfordernissen einer möglichst simplen Organisation und Planung aus.

Die meisten Schulen sehen heute so aus, als ob sie ursprünglich als Kaserne geplant waren. Es gibt kaum flexible Raumkonzepte, um Projektlernen zu unterstützen und es dominiert immer noch die „Lehre“, anstatt Lernrahmen für selbstorganisiertes Lernen zu schaffen. E-Learning und Blended-Learning-Arrangements oder gar praxis-projektorientierte Social Blended Learning Arrangements, die wir in der betrieblichen Bildung seit langem nutzen, sowie soziale Medien, die seit über zehn Jahren Eingang in das betriebliche Lernen gefunden haben, werden ganz selten in schulischen Lernkonzeptionen integriert.

Lehrer sind immer noch überwiegend Einzelkämpfer. Der Tagesablauf wird, wie seit über hundert Jahren, immer noch in 45-minütige Unterrichtsstunden, orientiert an wissensorientierten Curricula, die alle Schüler gleich behandeln, eingeteilt und die jede größere pädagogische Innovation verhindern. Die Schulen bieten unzählige Einzelfächer an anstatt wenige herausfordernde Projekte, in denen eine Problemstellung aus verschiedenen Blickwinkel beleuchtet wird. Den Schülern wird zugemutet, sich in jeder Unterrichtsstunde in ein vollkommen anderes Fach hineinzudenken, morgens erst Englisch, dann Mathematik, dann Deutsch, dann Physik und Musik, nachmittags dann noch Biologie-AG und Religion? Regelmäßig kommen aus der Politik Vorschläge für neue Fächer, wie z. B. Digitalisierung oder Werte, die das Problem eher noch verschärfen würden.

Kein vernünftiger Mensch würde seinen Arbeitstag so zersplittern, bei unseren Kindern haben wir aber kein Problem damit. Den Schülern wird nicht die Zeit gegeben, sich problemorientiert und in Ruhe in ein Thema zu vertiefen. Es dominiert immer noch das „Bulimielernen“, obwohl jeder vernünftige Mensch weiß, dass es vergeudete Energie ist. Die aktuellen Entwicklungen in Gesellschaft und Wirtschaft spielen kaum eine Rolle in der Schule.

Die größte Gefahr geht jedoch von der Struktur des Bildungssystems aus: Bürokraten, meist juristisch ausgebildet, bestimmen die Bildungsstruktur. So sind beispielsweise die Mitarbeiter der Kultusministerkonferenz, die maßgeblich die Zukunft des Bildungssystems mit bestimmt, überwiegend Juristen, obwohl es doch primär um pädagogische Fragen geht.

Deshalb wünsche ich mir, dass unsere Schulen endlich grundlegend reformiert werden, bevor man mit Milliarden Kosmetik betreibt. Hierzu gehören vor allem:

  • Die bisherige „Belehrungsdidaktik“ wird durch eine „Ermöglichungsdidaktik“, das „Bulimielernen“ durch Werte- und Kompetenzentwicklung in realen Herausforderungen ersetzt.
  • Die heutigen Lehrer bauen gezielt ihre Kompetenz auf, selbstorganisierte Lernprozesse ihrer Schüler zu ermöglichen und professionell mit Hilfe digitaler Systeme zu begleiten.
  • Einrichtung offener Lernräume (Open Spaces) für beispielsweise 60 – 120 Schüler mit Arbeitsbereichen für Schüler und Lerntandems, Gruppenräumen sowie Freiluftbereiche Cafeteria und Aula werden Klassenzimmer, die von Gruppen wechselnder Größe und einzelnen Schülern genutzt werden können.
  • Einrichtung und laufende Optimierung eines digital gestützten Ermöglichungsrahmens mit Planungsinstrumenten, Kommunikations- und Kollaborationsmöglichkeiten, modularisierten Inhalten und Lernprogrammen sowie Feedback-Systemen (Learning Analytics), der selbstorganisiertes Lernen der Schüler möglich macht.
  • Jeder Schüler kann, mit Hilfe digitaler Systeme, nach seinem individuellen Entwicklungsbedarf seinen personalisierten Lernprozess gestalten, den er mit Hilfe seiner Lernpartner und seiner Lehrer innerhalb eines digital gestützten Ermöglichungsrahmens umsetzt.
  • Abschaffung der Schulfächer und Gestaltung von fächerübergreifenden Kompetenzfeldern, die von interdisziplinären Lehrerteams begleitet werden.
  • Verbot der 45-Minuten Unterrichtseinheiten und flexible Planung der Lernprojekte.
  • Alle Macht den Schulen: Die Schulen müssen Handlungsspielräume erhalten, innerhalb eines gemeinsamen Rahmens ihre Lehrer selbst auszusuchen und im Bedarfsfall wieder zu entlassen sowie Lernlösungen eigenverantwortlich im Kollegium zu entwickeln. Die Bürokraten in den Ministerien oder Oberschulämter dürfen sich nicht mehr in pädagogische Fragen einmischen.

In diesem Kontext ergibt es dann auch viel Sinn, neue Medien für die individuelle Lernplanung, das soziale Lernen, die Recherche, den individuellen Wissensaufbau, die niveaugerechte Qualifizierung, das regelmäßige Feedback und die Lernbegleitung durch das Lehrerteam zu nutzen.

Diese Investition wäre nicht nur Kosmetik, wie der „DigitalPakt Schule“, sondern würde unser Schulystem wirklich in die digitale Welt befördern. Ich befürchte, dass diese Wünsche nicht besonders realistisch sind. Aber Träume sind doch wohl erlaubt.

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