Auf der DGFP Jahrestagung Berufsausbildung 2019 bei Festo in Esslingen habe ich einige Gedanken zur dualen Berufsausbildung zur Diskussion gestellt. Dabei ist mir bewußt, dass vermutlich nur im Bereich der betrieblichen Ausbildung tiefgehende Änderungen zu erwarten sind, weil dort der Veränderungsdruck immer stärker zu spüren ist. Festo Didactic hat dafür beeindruckende Lösungen präsentiert.

Dagegen sehe ich keine Ansätze dafür, dass sich die Berufsausbildung in der Berufsschule in absehbarer Zeit ändert, insbesondere weil sich die Kultusbehörden sowie der Prüfungsapparat als nahezu veränderungsunfähig erweisen. Es ist auch nicht zu erwarten, dass der DIHK und vergleichbare Einrichtungen trotz besseren Wissens ihre lukrativen Prüfungssysteme zugunsten eines kompetenzorientierten Ausbildungsansatzes aufgeben oder dass die Berufsschulen ihre Rolle als „Wissensvermittler“ grundlegend überdenken werden.

Das Phänomen, an althergebrachten Methoden in der Bildung festzuhalten, obwohl ihre Ineffektivität vielfach nachgewiesen wurde, beobachten wir gerade auch im Bereich der Berufsausbildung.

Das  Erfolgsmodell duale Berufsausbildung ist zwiespältig. Das Phänomen, an althergebrachten Methoden in der Bildung festzuhalten, obwohl ihre Ineffektivität vielfach nachgewiesen wurde, beobachten wir gerade auch im Bereich der Berufsausbildung. Der Wissensaufbau und die Qualifizierung einerseits und die Kompetenzentwicklung im Ausbildungsbetrieb andererseits werden nach dem dualen Prinzip zwischen Berufsschule und Ausbildungsbetrieb aufgeteilt. Im Berufsschulunterricht wird das Fachwissen nach Curricula, die teilweise mehr als zwei Jahrzehnte alt sind, meist im „klassischen“ Frontalunterricht, kombiniert mit Übungsphasen und Hausaufgaben, durch eher theorieorientierte Lehrer, die ihre Praxiserfahrungen häufig schon vor Jahrzehnten erworben haben, dargeboten. Wissensweitergabe gilt in den Berufsschulen immer noch weitgehend als der Weisheit letzter Schluss, geprüft wird nach den Prinzipien des Bulimielernens: Wissen aufnehmen, in Prüfungen und Klausuren ausspucken – und sofort vergessen. Diese Gleichsetzung von Fachkompetenz und Fachwissen ist eine fundamentale Sünde gegen jedes wirkliche Bildungsdenken Die Auszubildenden können am Ende unendlich viel wissen, hoch qualifiziert sein und trotzdem keinerlei Kompetenzen besitzen!

Die Praxisausbildung und damit die Kompetenzentwicklung finden heute weitgehend losgelöst von diesen Qualifizierungsmaßnahmen statt. Gegen Schluss der Berufsausbildung wird das Ergebnis mit einer meist stark wissensorientierten schriftlichen und mündlichen Prüfung vor der IHK oder Handwerkskammer getestet. Viele Ausbilder bzw. Führungskräfte messen ihren Erfolg nach wie vor an diesen Prüfungsergebnissen, obwohl sie nahezu nichts über die Kompetenzen der Absolventen aussagen. Viel schlimmer ist, dass diese Rahmenbedingungen und insbesondere das Prüfungssystem der dualen Berufsausbildung konsequent kompetenzorientierte Ausbildungskonzeptionen verhindern. So klagen Unternehmen, die versuchen, ihre Auszubildenden in einem selbstorganisierten, kompetenzorientierten Lernarrangement auszubilden, darüber, dass die Kultur des eigenverantwortlichen Lernens immer wieder drastisch beeinträchtigt wird, wenn sie in der Berufsschulphase fremdgesteuerten Unterricht erfahren.

Allen Experten ist klar, dass die Auszubildenden mit diesem Vorratslernen nicht auf die zukünftigen Herausforderungen, die wir heute meist noch gar nicht kennen, vorbereitet werden können.

Allen Experten ist klar, dass die Auszubildenden mit diesem Vorratslernen nicht auf die zukünftigen Herausforderungen, die wir heute meist noch gar nicht kennen, vorbereitet werden können. Was muss sich ändern, damit die duale Ausbildung ihre vorbildliche Rolle wieder erreichen kann?

Wir benötigen vor allem einen Paradigmenwechsel im Bereich der Ausbildungsziele. Nicht mehr überladene Curricula mit überholten Lernzielen und Inhalten, sondern Werte- und Kompetenzziele zur selbstorganisierten Bewältigung zukünftiger Herausforderungen geben der Ausbildung eine zukunftsgerechte Orientierung. Die Auszubildenden definieren deshalb zukünftig ihre Ausbildungsziele im Rahmen von Richtzielen, die eine aktuelle und individuelle Anpassung ermöglichen, und auf Basis von Werte- und Kompetenzmessungen im Gespräch mit ihrem Ausbilder individuell, entsprechend ihrem persönlichen Bedarf.

Der Lernort Praxis bildet das Zentrum der Ausbildung. Erst bei der Bewältigung von realen Herausforderungen im Ausbildungsbetrieb können die Auszubildenden ihre Kompetenzen aufbauen und die erforderlichen Werte als Ordner ihres selbstorganisierten Handelns verinnerlichen. Dabei sind sie selbst für ihren Lernerfolg verantwortlich. Die Lernbegleitung durch den Ausbilder ist dabei immer nur Hilfe zur Selbsthilfe und hat das Ziel, sich selbst überflüssig zu machen.

Dabei gilt das Prinzip des exemplarischen Lernens in Lernarrangements, die durch Eigenverantwortung und Selbstorganisation geprägt sind. Das erforderliche Fachwissen und die notwendige Qualifikation können sich die Auszubildenden weitgehend selbstorganisiert mit Hilfe des betrieblichen Ermöglichungsrahmens bei Bedarf aufbauen. Die Rolle der betrieblichen Ausbilder liegt dabei darin, die Auszubildenden bei der Definition ihrer individuellen Werte- und Kompetenzziele auf Basis professioneller Messungen zu beraten, ihnen über den betrieblichen Ermöglichungsrahmen Erfahrungsräume anzubieten, die selbstorganisiertes Lernen in der Praxis ermöglichen und sich an die individuellen Erfordernisse der Auszubildenden anpassen, und die personalisierte Werte- und Kompetenzreifung in enger Zusammenarbeit mit Praktikern zu begleiten.

Welche Rolle bleibt dann noch für die Berufsschulen? Der „Unterricht“ in der Berufsschule muss sich radikal wandeln, so wie es der Pädagoge Rolf Arnold treffend beschrieben hat: „Lehren ist eine Inszenierung von Erfahrungsräumen, in denen den Lernenden Erklärungs-, Vertiefungs- und Diskussionsmöglichkeiten eröffnet werden, die sie zu ihren Bedingungen nutzen können, ohne dass diese unmittelbar auf die Lernenden einwirken oder ihre Kompetenzentwicklung ohne deren innere Zustimmung nachhaltig beeinflussen können“. In der heutigen Rolle als “Wissensvermittler” sind die    Berufsschulen zukünftig überflüssig. Ich sehe ihre Rolle vielmehr darin , den Aufbau betriebsübergreifender Werte und Kompetenzen zu ermöglichen, sowohl im Bereich der Fachdidaktik als auch der Allgemeinbildung.

Die Berufsschulen sollten die Freiheit erhalten, in Abstimmung mit den Ausbildungsbetrieben diese  Kompetenzfelder mit aktuellen und bedarfsgerechten Projekten zu füllen.

In einem ersten Schritt sollten die heutigen Schulfächer abgeschafft und durch bedarfgsgerechte Kompetenzfelder ersetzt werden, in denen auch die allgemeinbildenden Themen integriert werden. Die Berufsschulen sollten die Freiheit erhalten, in Abstimmung mit den Ausbildungsbetrieben diese  Kompetenzfelder mit aktuellen und bedarfsgerechten Projekten zu füllen. Denkbar wären z. B. Forschungsprojekte, die Auszubildende mit Begleitung der Berufsschullehrer selbstorganisiert bearbeiten und dabei alle Phasen einer Lösungsentwicklung durchlaufen: Fragestellungen formulieren, den dazugehörigen Wissensstand recherchieren, ein methodisches Design planen und umsetzen und die erzielten Erkenntnisse darstellen und präsentieren. Die Auszubildenden lernen dabei zu hinterfragen, selbständig begründete Fragen zu stellen, sich für methodische Optionen zu entscheiden, um diese Fragen zu beantworten sowie Ziele und Pläne in die Tat umzusetzen, also komplexe Herausforderungen in der Praxis selbstorganisiert zu lösen.

Eine zentrale Aufgabe der Berufsschulen entsteht dabei darin, einen ausbildungsbetrieb-übergreifenden Ermöglichungsrahmen zu schaffen, in dem die Auszubildenden Instrumente zur Planung ihrer personalisierten Lernprozesse finden, der das gesamte nicht betriebsspezifische Fachwissen, aber auch allgemeinbildendes Wissen in modularisierten Lernmodulen zur Verfügung stellt und in dem vielfältige Tools zur Kommunikation, zum kollaborativen Arbeiten im Netz sowie zum Feedback angeboten werden. Die Berufsschule ermöglicht es den Auszubildenden zudem, Communities of Practice zu bilden, die es ihnen ermöglichen, kollaborativ ihre Herausforderungen in der betrieblichen Praxis zu bewältigen. In offenen Lernformaten, z. B. in Barcamps, können die Auszubildenden ihre Fragen und Erfahrungen einbringen und mit den Mitschülern sowie dem Berufsschullehrer bearbeiten.

Die Ausbildung muss ein Spiegelbild der Lebens- und Arbeitswelt werden. Wenn die Auszubildenden auf ihre zukünftigen Herausforderungen vorbereitet werden sollen, dann müssen Lernformen, Kommunikationsmöglichkeiten und Medien dem aktuellen Umfeld entsprechen, im besten Fall sogar die Zukunft in diesem Bereich vorwegnehmen. Selbstorganisierter Kompetenzaufbau und fremdorganisierte Wissensweitergabe in angeleiteter Qualifizierung sind nicht miteinander vereinbar. Deshalb muss die Berufsausbildung primär in die Verantwortung der Auszubildenden, mit Begleitung durch Ausbilder und Berufsschullehrer, gelegt werden. Die notwendige Veränderung der Denk- und Handlungsweisen aller Beteiligten an Lernprozessen wird dabei nur möglich sein, wenn sich die Strukturen grundlegend verändern.

Abgeschlossen habe ich meinen Diskussionbeitrag durch ein Zitat von Jack Ma, Gründer von Alibaba, das die Problematik, auch im Bereich der Berufsausbildung, treffend beschreibt:

Ändern wir nicht wie wir unterrichten, dann haben wir in 30 Jahren große Probleme…

Wir können Kindern nicht beibringen, mit Maschinen zu konkurrieren. Das bisherige Bildungssystem basiert darauf, das Wissen der vergangenen 200 Jahre zu vermitteln. Für die Zukunft gleicht das aber einer Bankrotterklärung.

Kinder sollen etwas lernen, was Maschinen niemals können und was sie von diesen unterscheidet – auch in Zukunft. Beispielsweise Werte, Überzeugungen, unabhängiges Denken, Teamwork, Mitgefühl – Dinge die nicht durch reines Wissen vermittelt werden. Alles was wir lehren muss unterschiedlich von Maschinen sein. Wenn es Maschinen besser können, müssen wir darüber kritisch nachdenken.

Photo by You X Ventures on Unsplash

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