Christian A. Fischer hat eine sehr interessante theoretische Studie mit einer empirischen Analyse in Montessori-Schulen veröffentlicht, in der den Zusammenhang zwischen Werten und Kompetenzen in hervorragender und umfassender Weise beleuchtet. Zu diesem Buch, das im Waxmann Verlag erschienen ist, habe ich folgende Rezension verfasst.

Um was geht es in diesem Buch? Im Zuge der Digitalisierung arbeiten die Mitarbeiter in den Unternehmen immer mehr selbstorganisiert und treffen eigenverantwortlich Entscheidungen. Dabei werden sie mit einer hohen Komplexität und ständig mit neuen, unvorhersehbaren Entwicklungen konfrontiert. Dafür benötigen sie Orientierung durch Werte, die als Ordner ihres Handelns diese Selbstorganisation erst möglich machen. Deshalb kommt den Werten und dem Wertemanagement in Verbindung mit einem gezielten Kompetenzmanagement eine immer größere Bedeutung zu.

Werte sind Ordner, welche die Selbstorganisation des menschlichen Handelns bestimmen oder zumindest stark beeinflussen.

Kompetenzen werden von Wissen im engeren Sinne fundiert, durch Werte und Normen konstituiert, durch Interventionsprozesse personalisiert, als Fähigkeiten disponiert, durch Erfahrungen konsolidiert und Aufgrund von Willen realisiert.

Die künftige Arbeitswelt wird eine Kompetenzwelt sein, in der Werte als Handlungsanker für selbstorganisierte Prozesse mit digitalisierten Systemen dienen. Die Digitalisierung führt dabei zu einem radikalen Wandel des Lernens.

Der Autor untersucht, wie die unterschiedlichen wissenschaftlichen Konstrukte und der Werte zusammenhängen und überträgt diese in den pädagogischten Kontext von Montessorischulen. Dabei wird deutlich, dass Kompetenzen, dass Kompetenzen, die sich in selbstorganisierten Handlungen niederschlagen, zwingend die Verinnerlichung von Werten erfordern.

Entstehungshintergrund

Die Erkenntnis, Werte sind die Kerne von Kompetenzen, bildet das Zentrum der Argumentation des Autors. Christian Fischer hat diesen Satz in seiner umfangreichen Publikation nicht nur theoretisch erhärtet und verdichtet, er hat ihn auch empirisch angewendet und erfolgreich umgesetzt. Der Satz besagt etwas zugleich Triviales und Umstürzendes. Wir können noch so viel Informationen und Sachwissen anhäufen, noch so viele Erfahrungen sammeln, für unser Handeln sind letztlich immer verinnerlichte Wertungen, Werte der persönlichen, menschlichen, sozialen, kulturellen, religiösen, politischen Situation entscheidend, in der wir handeln. Werte werden aber nur wirksam, wenn sie zu eigenen Emotionen und Motivationen verinnerlicht, „interiorisiert“ oder „internalisiert“ werden. Erfolgreiches Handeln setzt entsprechend interiorisierte Wertungen, Werte voraus. Werte „überbrücken“ fehlendes Sachwissen, und machen damit ein Handeln überhaupt erst möglich.

Folgt man dem, sind die Folgerungen unumgänglich. Kompetenzentwicklung beinhaltet zwangsläufig Werteentwicklung. Werteentwicklung kann und darf sich aber nicht der gleichen Formen bedienen, wie die herkömmliche seminaristische Bildung. Die gezielte Werteentwicklung von Persönlichkeiten erfordert vielmehr fundamental eigene gedankliche und praktische Herangehensweisen, die sich von der gewohnten betrieblichen Weiterbildung mit wissens- und qualifikationsorientierten Zielen deutlich unterscheidet.

Eine gelingende Kompetenzentwicklung findet zunächst und vor allem in der Praxis, im realen Handeln der Menschen statt: In der modernen Lebens- und Arbeitswelt, im Netz, innerhalb moderner, agiler Arbeitsmethoden. Coaching und Mentoring sind weitere wichtige Formen, in denen nicht primär Wissen weitergegeben sondern Wertehaltungen, Werteorientierungen gefestigt werden. Nicht alle, aber viele Formen von Training vermögen Werteentwicklungen anzuregen, sofern sie realitätsgleiche Lernsituationen ermöglichen.

Werte können nicht „vermittelt“ werden, auch nicht durch noch so brillante Vorträge, schöne Hochglanzbroschüren oder detailliert geplante Lehreinheiten. Werteentwicklung ist nur über die emotionale Irritation, Berührung, Erschütterung und Labilisierung, dem im emotionalen Sinn Erleben und Bewältigen von Dissonanzen, also Zweifeln, Widersprüchlichkeiten oder Verwirrung, in realen Herausforderungen möglich. Sie können also nur über bewusste und unbewusste Emotionen selbstorganisiert interiorisiert, d. h. verinnerlicht, werden.

Gezielte Werteentwicklung ist dabei letztlich immer auf verändertes Handeln gerichtet und bezieht damit die Kompetenzentwicklung mit ein. Werte werden im praktischen Handeln geboren, durch praktisch Handelnde verinnerlicht, bewähren sich im praktischen Handeln, bleiben in dieser Praxis bestehen oder gehen irgendwann auch darin unter.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung mit der Zielsetzung und den Forschungsfragen definiert der Autor den Begriff der Kompetenzen im Kontext der Pädagogik, der Synergetik und Selbstorganisation sowie aus der Sicht der Psychologie, der Betriebswirtschaftslehre und der Soziologie.

Darauf folgt eine historische Betrachtung des Kompetenzbegriffes von 1914 bis heute, von  Jean Piaget, über Noam Chomsky, Heinrich Roth, David McClelland, Franz E. Weinert, Jürgen Habermaß bis zu John Erpenbeck.

Ausführlich widmet er sich auch der Abgrenzung der Kompetenzen zu Wissen und Qualifikationen, um daraufhin eine grundlegende Strukturierung in Metakompetenzen, Basiskompetenzen, Schlüssel- oder Teilkompetenzen sowie Querschnittskompetenzen zu entwickeln.

Danach widmet er sich den Möglichkeiten zur Kompetenzerfassung und analysiert ausgewählte Verfahren. Im Kapitel Determinanten der Kompetenzentwicklung untersucht er die Faktoren der Kompetenzentwicklung. Hierbei geht er auf Wissen im weiteren Sinne, Qualifikation, Intelligenz, Werte, Normen, Regeln und Gefühle ein.

Der Entstehungsprozess von Werten wird unter dem Aspekt der Ermöglichungsdidaktik beleuchtet, nach dem Werte und Kompetenzen nicht „vermittelt“, sondern nur selbstorganisiert bei der Bewältigung von Herausforderungen in der Praxis aufgebaut werden können, indem ein Prozess der Labilisierung, der Aneignung von Regeln, Normen und Werten durch emotionale und motivationale Prozesse erfolgt. Dabei übernehmen Werte die Rolle, fehlendes Informationswissen zu überbrücken, um Handeln überhaupt zu ermöglichen.

Ohne Interiorisation, ohne Umwandlung in eigene Emotionen und Motivationen sind Werte wertlos. Faktenwissen kann, wenngleich nicht immer vorteilhaft, gepaukt und gespeichert werden. Bloß gelernte, nicht interiorisierte Werte wirken nicht und bewirken nichts. Deshalb ist die gezielte Werteentwicklung von Persönlichkeiten in Praxis, Coaching, Training  und zuweilen auch Weiterbildung ein Hauptanliegen der Wertegesellschaft. Deshalb macht sie Werteentwicklungsprozesse von Netzwerken, Organisationen, Unternehmen und Teams zu einem Kernanliegen.

In einem weiteren Schritt analysiert der Autor, welche Relevanz heute Kompetenzen im Bereich der schulischen Bildung, der Berufs- und Weiterbildung, der Hochschulbildung sowie im informellen Kontext hat. Im folgenden großen Abschnitt bearbeitet der Autor nunmehr entsprechend die Werte, von der Definition über die geschichtliche Herleitung bis zur Abgrenzung zu anderen Begriffen und der grundlegenden Strukturierung.

Er beschreibt die relativ wenigen Ansätze zur Erhebung von Werten, insbesondere am Beispiel des WERDE®-Erhebungsverfahren von John Erpenbeck, und erläutert die Determinanten der Werteentwicklung, die nicht nur durch einzelne Menschen, sondern durch ganze Gesellschaften und Kulturen geprägt werden. Umgekehrt wären Gesellschaften oder Kulturen ohne Werte nicht denkbar. Auch bei Werten gilt, wie bei Kompetenzen, dass sie nur selbsthandelnd, selbstorganisiert in physischen und sozialen Prozessen angeeignet werden können, die für sie so relevant sind, so dass sie zu wirkungsvollen emotionalen Anstöße oder Irritationen führen. Der Autor leitet nun ab, dass interiorisierte, also verinnerlichte Werte, den Kern der Kompetenzen bilden.

Werte sind relativ beständig, unterliegen aber trotzdem einem Wandel und nehmen in ihrer Bedeutung zu. Dies analysiert der Autor ausführlich in den Bereichen Schule, in der Berufs- und Weiterbildung, in der Hochschulbildung sowie im informellen Kontext. Insgesamt wird in diesen fundierten Ausführungen sehr prägnant heraus gearbeitet, dass Kompetenzen und Werte nicht voneinander zu trennen sind. Kompetentes, selbstorganisiertes Handeln benötigt in zukunftsoffenen und zum Teil chaotischen Situation immer Werte einer Person, um evtl. fehlendes Wissen auszugleichen.

In seiner empirischen Studie am Beispiel einer Montessorischule untersuchte der Autor diese Erkenntnisse, um die These, Werte sind Kerne von Kompetenzen, zu untermauern. Weiterhin macht er die Verbindung zwischen Kompetenzen und Werten transparent. Zunächst analysiert er das Kompetenz- und Werteverständnis von Maria Montessori. Dies drückt sich in folgender Formulierung aus, die beinahe 100 Jahre alt ist: „Die Grundlage ist also nicht das Nachdenken darüber, wie man das Kinder lehren oder erzieherisch beeinflussen kann, sondern wie man eine Umgebung schaffen kann, die ihrer Entwicklung förderlich ist, um sie dann in dieser Umgebung sich frei entwickeln zu lassen.“

Die Untersuchung  in drei Montessori Fachoberschulen mit 186 Schülern, 16 Lehrern, 35 Eltern und 10 Geschäftsführenden beginnt mit einer Wertemessung auf Basis von WERDE® und macht deutlich, dass der Ansatz von Maria Montessori einen geeigneten pädagogischen Rahmen bildet, um gezielte Werte- und Kompetenzentwicklung zu ermöglichen.

Die Arbeit von Christian A. Fischer führt dem Leser deutlich vor Augen, dass Kompetenzen und Werte gemeinsam „gedacht“ werden müssen. In unserer immer komplexer werdenden Welt, die immer enger zusammenrückt, mit einer nahezu unendlichen Wissensfülle, werden selbstorganisierte Handlungen, also Kompetenzen, und somit Werte und ihre gezielte Entwicklung immer wichtiger werden.

Fazit

Der Autor führt in seinem Werk die wissenschaftlichen Konstrukte der Kompetenzen und Werte in anschaulicher und schlüssiger Form zusammen. Es gibt wohl kein anderes Fachbuch, das die aktuelle Forschung und die Literatur zu Werte und Kompetenzen in dieser umfassenden und bestechenden Weise analysiert und zusammengeführt hat. Besonders hervorzuheben ist, dass er den Forschungsstand der Werteforschung systematisch mit der aktuellen Kompetenzforschung verknüpft. Dabei behandelt er pädagogische, sozialwissenschaftliche, systemtheoretische Aspekte und entwickelt ein Gesamtbild, das die werte- und kompetenzorientiertenAnsätze von John Erpenbeck systematisch aufgreift.

Deshalb sollte das Werk zur Standardliteratur von Bildungsexperten in allen Bereichen werden.

Photo by Vince Fleming on Unsplash

Fischer, Christian A. (2019): Werte als Kerne von Kompetenzen. Eine Theoretische Studie mit einer empirischen Analyse in Montessori-Schulen, Waxmann, Münster, New York

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