Die aktuellen Veränderungen in unserer Gesellschaft und Wirtschaft, die eine immer größere Dynamik aufweisen, führen dazu, dass Prozesse des Lernens und Veränderns immer wichtiger werden. Deshalb stellt sich zunehmend die Frage, wie diese aktiv beeinflusst werden können. Hierfür sind grundlegende Fragen zu klären. Warum handeln Menschen trotz besseren Wissens unangemessen? Welche Bedeutung haben Emotionen und Metakognitionen? Wie können die Menschen fest verankerte Handlungsroutinen verändern? Wie können die Lernprozesse gestaltet werden, um selbstorganisierte Lernprozesse sowie Veränderungen anzustoßen und zu sichern?

Klaus Konrad, Professor für Pädagogische Psychologie an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, hat dazu ein sehr empfehlenswertes Buch geschrieben, das insbesondere Bildungsplanern und Lernbegleitern vielfältige Anregungen für ihre Arbeit geben kann.

Konrad K. (2019): Lern- und Veränderungsprozesse aktiv gestalten. Mehrebenenkonzepte und Födertechniken in Coaching, Aus- und Weiterbildung, Kohlhammer Stuttgart

Das Werk orientiert sich konsequent an den Begriffen „Lernen“ und „Verändern“, ihre inhaltliche Bedeutung, ihr Zusammenspiel und ihre aktive Gestaltung. Auf Basis der kognitions- und handlungspsychologischen Grundlagen erörtert der Autor eine Vielzahl von Voraussetzungen sowie Strategien zur Veränderung. Die vorgestellten Verfahren sollen dazu beitragen, den eigenen Geist zu beeinflussen, Emotionen, Überzeugungen und Gedanken flexibel zu halten und zielorientiert zu handeln.

Im ersten Teil untersucht der Autor die theoretischen Positionen zu Lernen und Veränderung mit den Schwerpunkten Kognitionspsychologie und Handlungspsychologie als gemeinsame theoretische Basis sowie Aspekte der Neurobiologie. Damit können die die relevanten Fragen für das Verständnis des Lernens beantwortet werden: Wie kommt Transfer zustande? Welche kognitiven Prozesse spielen eine Rolle? Wo liegen die Beiträge der Handlungsforschung? Was sind die biologischen Voraussetzungen und Begleiterscheinungen von Lernen und Veränderung?

Danach geht der Autor auf die enge Verbindung von individuellem und organisationalem Lernen im Veränderungsgeschehen ein. Deshalb bildet das Konzept der Lernenden Organisation einen Schwerpunkt. Dabei stehen die Fragen im Vordergrund, was die Besonderheiten dieses Ansatzes sind, in welcher Weise individuelles und kollektives Wissen und Handeln auf verschiedenen Regulationsebenen miteinander verbunden sind, wie dabei individuelle Kompetenzen entstehen und wie dort Lernen und Veränderung stattfindet.

Im zweiten Teil beschäftigt sich Klaus Konrad mit den Ebenen der Veränderung. Zunächst untersucht er die Kerndimension der Veränderung, die Persönlichkeit, die durch ein individuelles charakteristisches Muster des Denkens, Fühlens und Handelns geprägt ist. Er stellt die typische wissenschaftliche Sicht auf die Persönlichkeit, insbesondere der Gehirn- und Kognitionsforschung sowie der Persönlichkeitstheorien, dar und untersucht die Begriffe Selbst und Selbstkonzept. Danach konzentriert sich der Autor auf soziale Lernsysteme und soziale Kontexte. Er versteht dabei Lernen als ein soziales Phänomen und untersucht die herkömmliche Gruppenarbeit sowie das kooperative Lernen.

Im Abschnitt Lernende Organisation leitet er schlüssig ab, dass auf dem Weg zur Veränderung eine Sinnstiftung und Vernetzung von individueller und organisationaler Entwicklung zu einem Lernsystem erforderlich ist. Er beschreibt weiterhin die Aufgaben, die das Lerngeschehen in Organisationen und bei Individuen bestimmen.

Im dritten Teil geht es um die Probleme, die bei Veränderungen auftreten können. Der Autor untersucht anhand der Erkenntnisse aus der Gehirnforschung sowie der Kognitions- und Handlungspsychologie die Gründe dafür, dass notwendige Veränderungen oftmals nicht stattfinden. Eine zentrale Rolle spielen hierbei Emotionen. In sozialen Gemeinschaften und Organisationen kommen weitere Einschränkungen und Barrieren der Veränderungen hinzu, die vor allem mit Wahrnehmung, Urteilsbildung und Kommunikation in sozialen Systemen zusammen hängen. Daraus leitet der Autor Lernstrategien und Methoden ab, die zum Handeln führen.

Diese Überlegungen werden durch die Untersuchung der handlungspsychologischen Konstrukte Wissen und Handeln, ihre Abgrenzung und Dynamik sowie ihrer Wechselwirkungen, präzisiert. Es geht dabei um die Fragen, wie Wissen in Handeln umgesetzt wird, wie träges Wissen, das nicht eingesetzt wird, wenn Herausforderungen zu bewältigen sind, entsteht, und wie dies verhindert werden kann. Der Autor entwickelt auf dieser Basis konstruktivistische Lernarrangements, die eine Vernetzung von Individuen, Gruppen und Organisationen ermöglichen.

Im vierten Teil wird konkret beschrieben, wie die Veränderungen auf Ebene des Individuums (alleine lernen), der Gruppe (mit anderen lernen und arbeiten) sowie der Organisation bewirkt werden können. Anschließend werden spezifische Anwendungsfelder, wie Gewohnheiten ändern, den „inneren Schweinhund“ besiegen, die Prokrastination, also das Aufschieben von Aufgaben, die Stressimpfung sowie sich selbst motivieren, behandelt. Dabei liegt das Augenmerk auf der engen Verbindung von individuellem, kooperativem und organisationalem Lernen, bei dem neues Wissen konstruiert und innovative Kompetenzen aufgebaut werden.

Auf der Ebene der Individuen werden insbesondere die unbewussten Lernprozesse, die unser Handeln umfassend bestimmen, untersucht. Weiterhin beschäftigt sich der Autor mit aktuellen Konzepten bzw. Lernarrangements des zielgerichteten, bewussten und selbstgesteuerten Lernens und leitet daraus Fördermethoden und Veränderungsimpulse ab.

Auf der Ebene der Gruppe steht der Gedanke der Situiertheit, die Hinweise dafür gibt, wie Wissen und Handeln zueinander finden, im Mittelpunkt. Damit kann kooperatives Lernen verstanden und erfolgreich angewandt werden. Auf Organisationsebene stellt der Autor zunächst ein Integrationsmodell vor, das programmatische Entscheidungen auf Basis der Vernetzung aller Ebenen einer Einrichtung zulässt. Im Mittelpunkt stehen hierbei die Schulentwicklung sowie ressourcenorientierte Programme der Schulung sowie Veränderung.

Im abschließenden Resümée werden die wesentlichen Konzepte rückblickend präsentiert, akzentuiert und insbesondere unter dem Aspekt der Entwicklungspotenziale bewertet. Deutlich wird, dass Lernen und Veränderung auf einer ständigen Wechselwirkung zwischen individuellem, kooperativem und organisationalem Lernen basiert, das durch Selbstreflexion, Wahrnehmung der Umwelt und Beziehungen zur Umwelt sowie der Weiterentwicklung der eigenen Kommunikation und Kooperation geprägt wird. Um Rahmen eines umfassenden Wissensmanagements laufen diese Prozesse gleichzeitig ab.

Fazit

Klaus Konrad hat ein wissenschaftlich fundiertes Fachbuch zur aktiven Gestaltung von Lern- und Veränderungsprozessen geschaffen, das den aktuellen Stand der pädagogisch-psychologischen Forschung, aber auch die in der Praxis erprobten Maßstäbe für Lernprozesse umfasst. Er beleuchtet dabei die Blickwinkel, die für Lernen und  Veränderung wichtig sind und zeigt konkrete Wege auf, wie solche Lernarrangements gestaltet werden können.

Die besondere Stärke dieses Werkes liegt in der ganzheitlichen Sicht der drei Ebenen des Lernens und der Veränderung – Individuum, Gruppe und Organisation – sowie in der Verknüpfung von theoretischen, sehr gut verständlichen Erläuterungen mit Erfahrungen in der Praxis sowie der Entwicklung von konkreten Lösungskonzepten. Gezielte Fragen in den einzelnen Kapiteln, konkrete Beispiele und empirische Studien sorgen dabei für einen fundierten Anwendungsbezug und ermöglichen Selbsterfahrungen des Lesers.

Damit ist dieses Fachbuch ein wichtiges Grundlagenwerk mit dem Charakter eines Standardwerkes für jeden Gestalter und Begleiter von Lern- und Veränderungsprozessen.

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