John Erpenbeck und ich haben als Abrundung unserer Buchreihe zum Wertemanagement und zur gezielten Werteentwicklung das Thema Werte aus gesellschaftlicher, philosophischer und soziologischer Sicht, aber auch aus dem Aspekt von Personen und Persönlichkeiten sowie von Unternehmen und Organisationen beleuchtet.

John Erpenbeck, Werner Sauter (2020)
Die Wertegesellschaft. Formen. Folgerungen. Fragen. Springer Verlag Berlin

Wir leben in einer Wertegesellschaft! 

Wir erleben mit Erstaunen und manchmal mit Entsetzen, wie die Wertegesellschaft die Wissensgesellschaft – geprägt von durchgreifender Digitalisierung, Wissensexplosion und Bildungsexpansion – aushebelt, überrollt, dominiert und zuweilen ins Absurde abdrängt. Nationalistisch begründete Werteurteile bremsen massiv den Welthandel. Illiberale Werteorientierungen ruinieren demokratische Grundsätze. Kriegsbegeisterung, Hass und Identitäres feiern Urständ. Subjektivistische Wertehaltungen erzeugen Kriegsgefahr. Gleichzeitig entwickeln sich aber auch neue, positive Werteeinstellungen in Bereichen wie Ökonomie, Ökologie, Politik und Menschenrechte …

All unser rasend zunehmendes Wissen, alle erfolgreich wachsenden Wissenschaften können keine Antworten dar- aufgeben, wie unsere Zukunft aussehen wird. Es gibt keinen Wertekompass zur Zukunft. Über je mehr Wissen wir verfügen, desto wichtiger werden Werte, um in dieser Überfülle Fakten zu finden und Entscheidungen zu treffen. Wir leben dabei nicht in einer Welt von Fakten, die Werte ein- schließt, sondern in einer Welt von Werten, die Fakten ein- schließt. 

Werte erfahren aktuell aufgrund der Corona-Pandemie, der ökologischen Krise, aber auch technologischer Innovationen und der damit verbundenen Entfaltung menschlicher Fähigkeiten einen enormen Bedeutungszuwachs. Die Wertegesellschaft ist dabei von größerer Mächtigkeit als die Wissensgesellschaft. Die Wissensgesellschaft diskutiert und initiiert neue Werte, die Wertegesellschaft realisiert sie, lässt sie zur Wirklichkeit werden. Ohne Werte könnten wir nicht kompetent handeln, wären Menschen nur wissensgesteu- erte Automaten.

Wir beschreiben Werte als Kerne von Kompetenzen, als Ordner, die selbstorganisiertes Handeln von Einzelnen oder Gruppen von Menschen bestimmen oder zumindest stark beeinflussen. Diese Sicht auf Werte erlaubt es uns, die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften als Geschichte von Werteauseinandersetzungen zwischen Klassen, Völkern, Nationen und ihren Traditionen, Kulturen, Weltanschauungen oder Religionen zu begreifen. 

Werteentwicklung findet in der Wertegesellschaft überall, in großem Umfang und zeitlich unbegrenzt statt. Die echte emotionale Verinnerlichung (Interiorisation) von Werten durch Personen und Persönlichkeiten ist der Kern- prozess der Wertegesellschaft; nicht interiorisierte Werte sind wertlos. Die wichtigsten Formen der Werteaneignung in der Wertegesellschaft – Erfahrung, Erleben und Verstehen – führen zu einem ganz neuen Blick auf diese Welt und auf uns selbst. 

Wir leben in einer Wertegesellschaft. Warum das zu begreifen für alle und jeden so wichtig ist, versuchen die Einführung und die Hinführung mit ein paar aktuellen Beispielen zu belegen. 

Dass wir in einer Wertegesellschaft leben, haben Philosophen und Soziologen im 19. Jahrhundert entdeckt. Diese spannende Entdeckungsgeschichte, die wertvolle Rückschlüsse auf die heutige Wertegesellschaft zulässt, können Sie im Kapitel Rückführung verfolgen. Es ist so geschrieben, dass es alle lesen können, dass es jeder verstehen kann, auch ohne Philosoph oder Soziologe zu sein. 

Wer sich in Kürze mit der Basis der Wertegesellschaft, den Werten, ihren Strukturen und Entwicklungen vertraut machen will, findet im Kapitel Durchführung eine präzise systematische Zusammenfassung. 

Wie weit die Mächtigkeit der Wertegesellschaft in das Leben jedes Einzelnen hineinwirken kann, machen im Kapitel Ausführung – Personen und Persönlichkeiten Negativbeispiele wie die Kriegsbegeisterung 1914–1918 und die Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz oder das Aufflammen sozialer Gewalt und Hassorgien im Netz ganz deutlich. Sie weisen aber auch auf Möglichkeiten und Mittel hin, solchen Fehlentwicklungen nicht mit hohlem Gerede, sondern mit tief greifenden Werteentwicklungen zu begegnen. 

Wie sehr wirtschaftliche Akteure die Wertegesellschaft profilieren, aber auch von ihr profitieren, wird im Kapitel Ausführung – Unternehmen und Organisationen klar. Man kann Werte und Kulturen nicht „vermitteln“. Man kann aber viel für die Werte- und Kulturentwicklung tun, sie ermöglichen, fördern, antreiben, verstetigen. Werteerfassung und Werteentwicklung gehören deshalb heute zum Kerngeschäft der Unternehmen und Organisationen. 

Dies ist ein Buch für alle und jeden, weil alle von den Tages- und den Nachtansichten der Wertegesellschaft betroffen sind, weil jeder und jede, ob gewollt oder ungewollt und hineingeworfen, sich in dieser Wertegesellschaft zurechtfinden muss, auch wir, die Autoren. Wir wollen niemanden belehren, sondern mit unseren Leserinnen und Lesern lernen, die Wissensgesellschaft und die Wertegesellschaft neu zu erschließen. 

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